• Dr. Maksida Vogt

Hengst - Sterilisation oder Kastration - welche Option ist besser?


Liebe Maksida,


Ich möchte mich heute mit einer Frage an dich wenden und hoffe, du kannst/möchtest mir deine Meinung dazu verraten. Es ist mir fast etwas unangenehm, weil ich mit dieser Frage bei so vielen "Fachkräften", TA und Co. auf völliges Unverständnis treffe. Aber ich dachte mir, wenn ich jemanden dazu befragen könnte, dann dich :) Vielleicht möchtest du dir ja Zeit nehmen und dir meine etwas längere Geschichte durchlesen. 

Dies würde mich jedenfalls sehr freuen!


Meine Pferdefamilie, bestehend aus einer tragenden Stute, einem Wallach und einem jungen Hengst, lebt gemeinsam seit April bei mir zu Hause. Davor waren alle 3 in einer gemischten Herde von damals 8 Pferden, wo der Hengst die Stuten auch decken durfte. 

Trächtig wurde spannender Weise nur meine Stute (von 4 Stuten)...( Die anderen Stutenbesitzer wollten nicht unbedingt ein Fohlen, fanden den Hengst aber so sympathisch, dass sie sich gut vorstellen konnten, ein Fohlen von ihm zu behalten, deshalb war es dort auch möglich, ihn in die "große" Herde zu integrieren...) 

Der Hengst kam mit 2,5 Jahren zu mir und meine Idee war es, ihm ein möglichst gutes Umfeld zu schaffen, in dem er gut geführt und auch gut beschützt, weiter reifen kann. 

Somit wollte ich es gerne ausprobieren, ihn in eine gemischte Herde zu integrieren, in der meine beiden anderen Pferde schon lange lebten und die ich für sozial sehr kompetent hielt. Er ist jetzt 3,5 Jahre jung und von seinem Wesen her sehr sensibel, feinfühlig und gelassen. Er hat eine sehr angenehme Ausstrahlung und ist sowohl zu anderen Pferden, als auch zu Menschen sehr sozial. Er kennt seine Position in der Herde, ist weder aufdringlich, noch nervig oder "hengstisch" den anderen Pferden gegenüber. 

Als er in der größeren Herde lebte, waren die Stuten vermehrt im Herbst rossig und dann wieder vermehrt im Frühling. Im Herbst ließ ihn nur 1 Stute aufspringen und dann im Frühling durfte er alle Stuten decken. Über den Winter und auch nach dieser Phase im Frühling, die auch nicht lange dauerte (vl. 2 Wochen), war es um die Stuten und auch um den Hengst ganz ruhig, völlig normal und unproblematisch. Auch während die Stuten Rossig waren, war kein Stress in der Herde. Die Stuten haben sich ihm eben angeboten und er hat total liebevoll um sie geworben, war dabei immer höflich und reagierte sofort, wenn es einer Stute zu viel wurde. Es war wirklich sehr spannend zu beobachten, wie unproblematisch das Alles auch mit den übrigen 3 Wallachen war.

Es war zu dieser Zeit auch völlig unproblematisch, den Hengst aus der Herde zu nehmen zum Spazieren und auch wenn wir an fremden Stuten vorbeigekommen sind, war er damals und ist er noch immer, völlig unaufgeregt. Schon als er zu uns kam, haben ihn meine beiden anderen Pferde sofort ins Herz geschlossen und wurden innerhalb der Herde, eine eigene kleine Gruppe. Das war für mich besonders schön zu sehen, dass meine Pferdefamilie auch untereinander eine Familie geworden ist :)

Wie das Leben so spielt, hat es sich dann heuer im Frühling ergeben, dass ich endlich mit meinen Pferden zusammen auf einen Hof ziehen konnte :)

So, seither leben die 3 wirklich harmonisch zusammen, weitestgehend nach AL, so würde ich es jedenfalls beschreiben. (Sie haben permanent etwa 3 ha Wiese (wechselnde Flächen) und Wald zur Verfügung mit Bachläufen, haben eine Mineral/Kräuter/Hafer/Obst/Gemüse- Bar usw.) Nun naht der Frühling, in dem meine Stute ihr Fohlen bekommen wird und die Frage drängt sich auf, wie es weitergehen soll. Ich freue mich sehr auf das Fohlen, das sich meine Stute schon lange wünscht und weshalb, unter vielen anderen Gründen, auch der Hengst in unser Leben getreten ist. Allerdings möchte ich es nicht verantworten noch weitere Pferde in die Welt zu setzten, die ich dann nicht behalten kann. Mein Wunsch wäre es, den Hengst zu sterilisieren.

Ich möchte ihm nicht seine "physische" Männlichkeit nehmen und es ist auch keine Option die Familie zu trennen. Ich weiß, dass die Sterilisation beim Pferd mit einem Klinikaufenthalt verbunden ist und das die OP scheinbar auch riskanter ist, als die Kastration.

Allerdings scheint es mir den Versuch wert, wenn dies bedeuten würde, dass der Eingriff in sein Leben wesentlich geringer ist, als bei einer Kastration. (Abgesehen von dem Stress des Klinikaufenthalts und des Risikos bei der OP). Da ich ihn erlebt habe, in der Zeit mit den rossigen Stuten und auch beobachte, wie er sich jetzt mit meinen beiden Pferden verhält, könnte ich mir gut vorstellen, dass es auch weiterhin stressfrei sein könnte.

Natürlich ist mir bewusst, dass es auch großen Stress für die Stute bedeuten könnte, weil sie ja regelmäßig rossig sein wird und der Hengst sie natürlich immer decken (wollen) wird.

Meine Stute ist allerdings seit vielen Jahren ein Paar mit meinem Wallach, der sie auch regelmäßig gedeckt hat, wenn sie rossig war. Alles ebenfalls völlig stressfrei.

Der Wallach und der Hengst haben bislang ein sehr inniges, klares Verhältnis und mir ist auch bewusst, dass sich dies ändern könnte mit zunehmenden Alter vom Hengst. Als ich die 3 dazu befragt wurden, kam die Antwort, dass alle 3 sehr gut damit klar kommen würden, wenn der Hengst "seine Hormone" behalten dürfte. Meine Stute versicherte mir, dass sie sich weiterhin gut abgrenzen wird können und dass ihr der Henst genau so, wie er ist lieb ist. Auch der Wallach war sich sicher, dass er den heranwachsenden Hengst gut leiten wird und hätte auch kein Problem, ihm im zunehmenden Alter, die Führung zu überlassen. (Da ich schon seit vielen Jahren Tierkommunikatorin bin und mir in heikleren Thematiken gerne Hilfe von Außen hole, habe ich Jemanden völlig Außenstehenden befragt, der mir allerdings mein Gefühl bestätigt hat).

Nun bin ich mir aber trotzdem Unsicher, weil ich mit dieser Idee scheinbar alleine dastehe und ich mich mit kaum jemanden beraten kann. Abgesehen davon, dass ich keine Ahnung habe, ob ich überhaupt einen TA finden werde, der diesen Eingriff übernehmen würde. Am liebsten natürlich bei mir zu Hause (was wohl eher sehr utopisch ist).

Vielleicht ist die Kastration schlussendlich doch die vernünftigere Lösung?

Viele Pferdemenschen und TA die ich schon dazu befragt habe, fragen sich jedenfalls, warum ich so einen Aufwand betreiben möchte, wenn eine Kastration doch so einfach ist und man danach einfach "eine Ruhe" hat...

Naja ich hoffe, ich konnte dir meine Situation gut schildern und ich danke dir jedenfalls, dass du meine Geschichte gelesen hast! Vielleicht hast du ja eine Idee oder ein Gefühl zu meiner Thematik! Ich würde mich sehr freuen von dir zu lesen!


Ich danke dir vielmals für die Arbeit, die du tagtäglich für die Pferdewelt leistest. Dein Beitrag, mehr Bewusstsein den Pferden und schlussendlich der Natur gegenüber, in die Welt zu bringen ist unbeschreiblich! Vielen vielen Dank!

Ich bin seit einiger Zeit in deinem Hufkurs und du kannst dir nicht vorstellen, wie sehr ich und natürlich auch meine Pferde davon profitieren! :)


Liebe Maksida, danke, dass du dir die Zeit genommen hast, dieses Mail zu lesen und vielleicht hast du ja mal Zeit und lust, mir deine Gedanken zu schreiben!

Alles Liebe,

Nina


***

Hallo liebe Nina, 


wie schön von dir zu hören, ich freue mich darüber. <3 

Deine Geschichte finde ich so schön und ich kann alles so toll nachvollziehen. Die Gedanken und Gefühle die dich bewegen, könnten auch die meinen sein. 

Ich kenne etliche Hengste, die sterilisiert wurden weil wir in NHE diese Idee, genau diese Idee verfolgt haben und den Hengsten ihre Männlichkeit lassen wollten. Wir wollten sie nicht kastrieren und so schwer in den Hormonhaushalt und ihre Würde eingreifen. Leider bin ich im Laufe der Zeit und angesichts der Probleme, die dadurch aufgetreten sind, davon abgekommen. 


Es waren ein paar Herden, wo das funktioniert hat, diese Herden hatten viele Stuten. In anderen Fällen, wo es eine, zwei oder drei Stuten waren, kam es zu großen Problemen und einmal sogar zu einem tragischem Ausgang, weil der sterilisierte Hengst die Stuten schwer angegriffen und verletzt hat. Das würde ich aber nicht als Regel nehmen, da waren andere Sachen auch dabei - der Hengst war jung, er war nicht zum Leithengst bestimmt, etc. 

Aber in anderen vielen Fällen war es so, dass die Stuten oft in der Rosse waren und ständig gedeckt wurden. Dadurch kam es zu Hüft- und Gelenkproblemen bei den Stuten - es ist einfach nicht natürlich, dass die Stuten so oft gedeckt werden. 


Desweiteren kam es oft zur Frustration in der Herde, weil es keine Fohlen gab, aber es wurde gedeckt. Bei den Wildpferden, wird ein Hengst die Stute verstoßen, die kein Fohlen bringt, nach ein-zwei Jahren. Stuten wurden also frustriert und depressiv, Hengst wurde frustriert - das natürliche Gleichgewicht war einfach nicht vorhanden. 

Aus allen diesen Erfahrungen würde ich dazu raten, den Hengst zu kastrieren, wenn er in der Herde bleiben soll. 


Meine Hera ist auch trächtig, sehr wahrscheinlich. Wenn es ein Hengstfohlen sein wird, muss ich auch entscheiden, was ich tun werde. Glücklicherweise gibt es bei uns auch Hengst/Wallache Herde, er könnte dort leben. Wenn ich mich aber dazu entscheide, dass er bei seiner Mama und den Stuten bleiben soll - dann werde ich ihn kastrieren lassen. Ich hoffe auf ein Stutfohlen, dann bleiben mir diese schwierigen Entscheidungen erspart. Ich finde, wir haben kein Recht dazu, bei den Tieren so einzugreifen. Mir selbst widerstrebt es sehr. Aber leider, müssen wir, wenn wir uns in der Situation finden und keine andere Lösung finden. 





Ich hoffe, ich kann dir mit diesem Bericht helfen. Es ist eine schwierige Entscheidung und ich kann sie wirklich in Gänze nachvollziehen. 

Es freut mich sehr, dass der Hufkurs dir hilft. :) 

Und ich freue mich immer von dir zu hören. 


Viele liebe Grüße an dich und deine tierische Familie 

Maksida 


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